Gustav Nagel

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Geburtshaus von Gustaf Nagel

Wanderprediger – eine der seltsamsten Persönlichkeiten die die Altmark hervorgebracht hat.

Seit der 1000 – Jahrfeier unserer Stadt, 2005 erinnert eine Glastafel am Hause Marktstrasse 1, dass hier gustaf nagel am 28. März 1874 geboren wurde.

Wer war Gustaf Nagel?

Geboren als achtes Kind einer Gastwirtsfamilie, verbrachte er die ersten Jahre seiner Kindheit in Werben. Durch den schlechten Gesundheitszustand des Vaters zog die Familie noch vor der Einschulung von Gustav nach Arendsee. Seine schulischen Leistungen waren gut und so konnte er 1888 eine Lehre zum Kaufmann beginnen. Schon bald erkrankte er aber lebensbedrohlich und musste die Lehre abbrechen. Bei seiner Musterung wurde er deshalb auch als kriegsdienstuntauglich ausgemustert. Durch diese ganzen Umstände zog er sich von der Gesellschaft zurück und begann in Erdhöhlen zu Leben. 1892 trat er mit dem Pfarrer S. Kneip in Verbindung und begann sich mit Naturheilverfahren zu Beschäftigen. Seine körperliche Gesundung schrieb er auch diesem Verfahren und seiner jetzt vegetarischen Lebensweise zu. Er zog es fortan vor, sich nur mit einem Leinenumhang zu bekleiden und ging barfuss. Auf Sauberkeit legte er allerdings großen Wert. Auch im Winter ging er in den Arendsee baden. Durch seine langen Haare und den Bart hatte er ein Aussehen wie sich die Menschen damals Jesus vorstellten.

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Gedenktafel für Gustaf Nagel

Seine unangepasste Lebensweise führte natürlich zu Konflikten mit der Obrigkeit, und so wurde er 1900 entmündigt. Nun begann er als Wanderprediger umher zu Reisen. Er kam 1903 sogar bis nach Jerusalem. Im gleichen Jahr konnte er die gerichtliche Aufhebung seiner Entmündigung erwirken. 1910 kaufte er ein Seegrundstück am Arendsee. Er heiratete dreimal und zeugte drei Söhne. Auf seinem Grundstück entstand sein „Garden Eden“ und unter anderem auch ein Tempel. Nagel verkaufte Schriften, Postkarten, Naturprodukte, dichtete und komponierte. All dies brachte ihm einen gewissen Wohlstand ein. 1926 versuchte er sich sogar als Politiker, scheiterte aber. All diese Umstände ließen ihn immer wieder deutschlandweit in die Schlagzeilen geraten.

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Gustaf Nagel

Seine Predigten während der Hitlerzeit gegen die Judenverfolgung und gegen den Krieg brachten ihm ins Konzentrationslager und in die Nervenheilanstalt Uchtspringe.
Auch der DDR-Obrigkeit war er ein Dorn im Auge, was ihm einen erneuten ungewollten Aufenthalt in Uchtspringe einbrachte. Dort verstarb er 1952 an Herzversagen und wurde auf dem Friedhof in Arendsee beigesetzt. Seine Grabinschrift lautet, „hir rut in Got – gustaf nagel“.

Quellenangabe:
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon,
Band XXIII (2004) Spalten 1012-1019, Autor: Claus Bernet.
Die Altmark, Reiseführer, Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle(Saale) 2005.

Ein  Beitrag als Hörspiel –  gefunden und zur Verfügung gestellt von Gerhard Nietzel, Werben:

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Gustav Nagel, der „Verrückte von Arendsee“

War er nun verrückt oder nicht? Gustav Nagel, „der Verrückte vom Arendsee“ überstand in den 1920er Jahren alle Mediziner-Gutachten, die gegen seine skandalöse Barfuß-Exzentrik aufgeboten wurden. Schwerer als mit den Spießern hatte er es mit den Ideologen seiner Zeit. Am 15. Februar 1952 ist er gestorben.

Von Xaver Frühbeis
Stand: 15.02.2010

Gustav Nagel

Gustav Nagel

Arendsee, in den 20er Jahren. Ein Luftkurort in der Altmark, idyllisch gelegen, inmitten weiter Kiefernwälder am Ufer eines kristallklaren Sees. Die Straßen Arendsees sind ordentlich gefegt, Fachwerkhäuschen laden zum Verweilen ein, die Kurgäste fühlen sich wohl, die Einheimischen nicht minder. Und dennoch hat die Stadt ein Problem. Einer ihrer Einwohner spielt verrückt. Der Gastwirtssohn Gustav Nagel weigert sich, den Regeln der Gesellschaft zu gehorchen. Egal, ob es stürmt, schneit oder die Sonne scheint, er ist barfuss unterwegs. Langbärtig, wallenden Haupthaars wandelt er einher, angetan nur mit einem knappen Höschen, einem Leinenschurz und einem über die Schultern geworfenen Cape. Lange Jahre war er in diesem Aufzug zu Fuß unterwegs, ganz Europa hat er durchwandert, bis hinunter ins Heilige Land. Danach hat er sich in Arendsee ein Seegrundstück gekauft und dort in sechzehnjähriger mühsamer Arbeit aus Muschelkalk, Felsbrocken und Schlacke ein Sonnen- und Brausebad errichtet, dazu eine Tempelanlage mit Trinkhalle, Schwanen- und Harmoniumhaus, Sälen und was noch dazugehört. Hier wohnt er nun mit seiner Frau und den drei Söhnen.

Worüber man eigentlich noch froh sein muss. Früher, vor seinen Wanderjahren, hat er es vorgezogen, im Wald in selbstgegrabenen Erdhöhlen zu hausen, die die Einwohner von Arendsee immer wieder zerstören mussten, weil sie ihnen ein Dorn im Auge waren. Auch jetzt ist ihnen dieser Nagel ein Dorn im Auge. Der Mann ist nämlich eine wirtschaftliche Größe. Arendsee ist Pilgerstätte eines reichsweiten Nagel-Tourismus geworden, und Nagel so berühmt, dass, wer immer bei der Reichsbahn eine Fahrkarte nach Arendsee kauft, vom Schalterbeamten „Grüße an Gustav“ mitbekommt. Er selbst lebt vom Verkauf von Eintrittskarten für seine Bade- und Tempelanlage und hält reformerische Vorträge, wie die Leute ihr Leben verbessern sollen und, wenn sie schon mal dabei sind, die ganze deutsche Lebensweise gleich mit dazu. Die Großstädte will er abschaffen und die Hochhäuser, die seien nicht menschengemäß. Kein Fleisch soll man mehr essen und den Alkohol meiden, mit dem Schulunterricht will er hinaus in die freie Natur, und in der Kirche soll nicht nur der Pfarrer das Wort haben, sondern auch die Gläubigen. Die Leute kommen in Scharen nach Arendsee, um sich diesen Nagel anhören. Einmal, 1928, hat er in nur vier Monaten über zehntausend Eintrittskarten verkauft. So einen wirft man doch nicht einfach aus der Stadt. Andererseits: Wer so redet, ist verrückt. Oder nicht? Immer wieder wird versucht, den Mann entmündigen zu lassen. Und immer wieder gelingt es Nagel, Gegengutachter aufzubieten, die ihm Zurechnungsfähigkeit bescheinigen und die Wissenschaftlichkeit seiner Vorträge nachweisen. Es ist ein Dauerstreit zwischen den Arendseern und Gustav Nagel, und der Mann ist ein Ärgernis für die Stadt, gerade weil er so erfolgreich ist.

Doch die Arendseer müssen nicht mehr lange warten. Hitler und seine Nazis stehen schon in den Startlöchern, und die brauchen keine Gutachter, um einen wie Nagel loszuwerden. Aber: Gustav Nagel siegt auch hier. Er überlebt Hitler, den Weltkrieg und das Lager. Als er jedoch 1949 die Bewohner von Arendsee einlädt, in seinem neu aufgebauten Tempel der Krönung eines deutschen Königs von seiner Hand beizuwohnen, da steckt ihn die sowjetische Kommandantur in eine Nervenheilanstalt. Dort ist er dann gestorben, am 15. Februar 1952.

Das Kalenderblatt

Montag, 15. Februar 2010
Autor: Xaver Frühbeis              BR-Online
Redaktion: Thomas Morawetz
Wissenschaft und Bildung