Storchenstadt Werben

Werben – die Storchenstadt an der Elbe

 

Zu kaum einem anderen Wildtier haben Menschen eine so enge Beziehung entwickelt wie zum Weißstorch. Das Bild vom Storchennest auf dem Dach oder auf dem Kamin hat für viele Generationen eine geradezu suggestive Wirkung. Wer im Frühjahr oder im Sommer die alte Hansestadt Werben besucht, kann etwas von dieser Wirkung erleben. Die zahlreichen Störche auf den Häusern der Stadt, der elegante Flug dieser imposanten Großvögel über den Dächern und das ständige Klappern geben der Stadt eine ganz besondere Prägung. Die Störche gehören zum Stadtbild einfach dazu.

 

In den letzten Jahren hat Werben sich zu einer der größten Storchenkolonien Deutschlands entwickelt. Und wenn man von dem Stadtstaat Hamburg und einigen durch Fütterung künstlich entstandenen Kolonien in Westdeutschland absieht, darf Werben sich derzeit sogar „storchenreichste Stadt Deutschlands“ nennen. Mehr als 15 Storchenpaare ziehen hier jedes Jahr ihre Jungen groß. Mit der Salzkirche, dem Rathaus und dem Hungerturm haben Störche auch auf historischen Gebäuden ihr Nest. Allein vom Elbtor aus kann man mehr als ein Dutzend Storchennester sehen und das Familienleben der Adebare beobachten.

Als Hansestadt hat Werben eine lange Tradition, als Storchenstadt hat Werben erst seit Mitte der 90er Jahre ihre jetzige Bedeutung gewonnen. Dazu beigetragen haben der Naturschutz­bund (NABU) und die Naturschutzbehörde des Kreises, die durch das gezielte Anbringen von Nisthilfen die Ansiedlung immer weiterer Storchenpaare förderte. Zudem verlockt das gehäufte Vorkommen von Störchen weitere Störche zum Verbleiben.

Der wichtigste Faktor für Werbens Storchenreichtum ist aber das Vorhandensein einer ausreichenden Nahrungsgrundlage für eine erfolgreiche Jungenaufzucht. In Werben ist dies in erster Linie durch das breite grüne Vorland zwischen dem Deich und der Elbe gegeben, das in vielen Jahren mehrmals durch das Frühjahrshochwasser überflutet wird. Aber auch die in Teilen noch relativ naturnahe altmärkische Wische mit ihrem feuchten Grünland ist ein bevorzugter Nahrungsraum für Werbens Störche.

Die besondere Bedeutung der Störche für Werben wird auch in der „Storchenstube“ dokumentiert, die 2015 im Rathaus eingerichtet wurde. In der Dauerausstellung können sich Besucher über die Brutbiologie, den Storchenzug, die Beringung und vieles andere mehr informieren. Und hingewiesen wird schließlich auch auf die besondere Beziehung zwischen Storch und Mensch, die ihren Niederschlag im Volksglauben, in Mythen, Märchen und Gedichten gefunden hat.

Michael Tillmann

Hier 1 Kurzfilm über Werbener Störche. In Szene gesetzt von Gunter Zwinzscher.

Seit April 2015 gibt es neben dem Tourismusbüro auch eine Storchenstube. Hier können sich Besucher auf 7 Tafeln über das Leben der Störche informieren. Auch Storchensouvenirs sind erhältlich. Die Öffnungszeiten sind identisch mit dem Tourismusbüro.


 

Leider mussten wir heute am 15.05.2017 feststellen, dass auch das Letzte von 5 Storchenküken aus dem Nest am Elbtor gestorben ist. Aus diesem Grund haben wir heute auch die Cam vom Netz genommen. Bleibt zu hoffen, dass es in 2018 wieder erfolgreicher wird.

 

 

 

 

Lesen Sie hier ein Interview von Karina Hoppe (Volksstimme), mit dem Storchenexperten Michael Tillmann.

Deutsche Mutter, polnischer Vater

Austausch: Ein Adebar aus dem Nachbarland hat hier Nachwuchs – ein Werbener Storch wird in Kolberg registriert.

Der deutsch-polnische Freundschaftsvertrag wird auch auf Storchenebene gelebt: Ein Storch aus der Nähe des polnischen Kolberg hat Nachwuchs auf der Werbener Salzkirche. Währenddessen hat sich ein Jung­storch aus Werben nahe dem polnischen Bromberg niedergelassen. Erstmalig gibt es darüber in diesem Jahr eine Rückmeldung. Storchenkenner Michael Tillmann ist erstaunt.
Ausnahmen bestätigen auch im Storchenleben die Regel. Normalerweise lassen sich Jungstörche, wenn sie aus dem Süden zurückkehren, im Umkreis von 30 bis 40 Kilometern von ihrem „Kinderhorst“ nieder, um früher oder später selbst für Nachwuchs zu sorgen. So weiß Michael Tillmann, ein Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Weißstorch Nordrhein-Westfalen. Er ist regelmäßig und auch derzeit in Werben zu Besuch, um sich neben dem Werbener Gunter Zwinzscher auch dort den Adebaren zu widmen.
Die Storchensaison lief „mäßig bis schlecht“, aber sie hat eine Besonderheit. Erstmalig gab es nämlich in diesem Jahr eine Rückmeldung aus Polen: Es hat sich in der Ortschaft Chometowo nahe Bydgoszcz (Bromberg/Pommern) ein in Werben geschlüpfter Storch als Brutvogel niedergelassen. Damit ist der Storchenaustausch perfekt, denn seit drei Jahren macht sich in Werben ein polnischer Storch zu schaffen. Das Storchenmännchen mit der Ringnummer PLG 1P542 wurde im Jahr 2010 im pommerschen Dorf Siemysl-Niezyn in der Nähe von Kolobrzeg (Kolberg) beringt. Im Jahr 2014 sah man ihn auf dem Kamin der alten Werbener Apotheke. Im vergangenen Sommer hielt er sich überwiegend auf dem Horst in der Langen Straße 50 auf. „Erstmalig schritt er nun in diesem Jahr zur Brut“, sagt Michael Tillmann. Auf der Salzkirche hat er sich die ebenfalls beringte Storchendame (DEW 4X096) aus dem niedersächsischen Verden an der Aller angelacht. Zwei Jungvögel sind das Resultat dieser Vereinigung.
Michael Tillmann hat die ganzen Daten in seinem Laptop gespeichert. „Ich mag diese Statistiken, das ist mein Ding“, sagt er, der als Lehrer für Mathematik und Sozialwissenschaften arbeitete. Tillmann ist es auch, der die Nummern der in Werben beobachteten, beringten Störche an die zuständige Vogelwarte Hiddensee weiterleitet. Von dort kommen dann die Bescheide zurück. Dadurch wissen die Werbener etwa auch, woher das Pärchen, das am Elbtor mindestens seit 2010 miteinander vereint ist, stammt. Einer der beiden Störche kommt aus Köthen (Beringung 2005) und einer aus Gommern (2004). Es handelt sich bei den beiden also auch um „Fernsiedler“ – und schon betagtere Störche. Wobei ein Storch in freier Wildbahn bis zu 25 Jahren alt werden könne. „Störche, die das erste Lebensjahr überstanden haben, werden aber im Schnitt neun Jahre alt“, so Tillmann.
Auch in diesem Jahr wurde in Werben wieder etwas für die Statistik getan, für die weitere Erforschung der Störche. Die Jungstörche in den Horsten auf der AWA-Streuobstwiese, jene auf dem Rathausdach, im Horst an der Tankstelle und auf der Schule konnten beringt werden. Die Störche am Elbtor waren bereits zu alt, jene auf der Salzkirche noch zu jung für die Aktion. Einmal mehr hat der Genthiner Mario Firla die Störche beringt. Dies geschieht übrigens seit einigen Jahren oberhalb des „Storchenknies“, um die Nummer besser ablesen zu können. Insofern weisen die beiden Elbtorstörche eine putzige Besonderheit auf: Beide tragen – aus welchen Gründen auch immer – ihren Ring unterhalb des Knies.
Für die Statistik ist die Saison gelaufen, gleichwohl sitzen die Störche ja noch auf hiesigen Dächern. Die Jungvögel sind dabei zu beobachten, wie sie Flugversuche unternehmen. Erfahrungsgemäß versammeln sie sich ab dem 10. August mit anderen Jungstörchen, um dann gemeinsam den Weg gen Süden anzutreten. Die Strecke steht in ihren Genen geschrieben – es fliegt kein erfahrener Storch mit. Die Altvögel heben etwas später ab, sind aber meist auch bis Ende August weg.

Saisonfazit:

Die Storchensaison in Werben war vergleichweise „mäßig bis schlecht“, sagt Michael Tillmann. 17 Paare hatten einen festen Sitz in der Hansestadt, in zehn davon wurde mit Sicherheit gebrütet. In einem Fall lagen die Eier unterm Nest, vermutlich als Resultat von Storchenkämpfen. In den neun verbliebenen Horsten sind insgesamt 21 Jungstörche aufgewachsen – fünf weniger als im Vorjahr. Was die übrigen Nester der Kommune außerhalb der Ortslage Werben betrifft, gab es nur in einem Fall Nachwuchs: in Räbel. Berge, Giesenslage, Behrendorf und Neu-Werben blieben „kinderlos“. In mindestens zwei Fällen innerhalb Werbens haben sich erstmalig Störche niedergelassen: auf der alten Post und auf dem Kommandeurshaus. Im Wettstreit um den storchenreichsten Ort Sachsen-Anhalts hat in diesem Jahr Wahrenberg vor Werben das Rennen gemacht: mit 31 Jungvögeln von 20 Paaren.

(Erschienen am 20.07.2016 in der Volksstimme,