Die St. Johanniskirche zu Werben

Ein Koloss und sein Städtchen

Vor allem wegen der Elblandschaft, ihrer unaufdringlichen Schönheit, der Ruhe, die sie unserer hektischen Zeit entgegensetzt, wird die Altmark gern besucht. Viele ihrer Bauten beschwören in den Fachwerk- und Feldsteinmauern das Flair vergangener Epochen herauf. Ein solches Kleinod, von Radlern wie kunstgeschichtlich Interessierten gleichermaßen geschätzt, ist Sachsen-Anhalts kleinste Stadt Werben.

Kirchenansicht - Südseite

Kirchenansicht – Südseite

Weithin sichtbar hebt sich in leuchtendem Rot das mächtige Satteldach der Kirche über die Häuserschar empor, so dass häufig dieser Anblick als „Glucke mit Küken“ bezeichnet wird. Um die 650 Menschen leben hier, aber es war bei weitem nicht immer so still auf diesem Flecken Erde.

An der Einmündung der Havel in die Elbe gelegen, war Werben vermutlich bereits um 920 eine vielfach umkämpfte deutsche Grenzfeste zum Schutz gegen heidnische Wenden. Der Name (1005:wiribeni, 1160: wirbene, 1212: werben, 1225: werbene, 1317: werbiyn) entstammt dem wendischen Begriff für „Weide, Weidenbusch“.In der Mitte des 12.Jahrhunderts verlor die Burg an strategischer Bedeutung. Zurück blieb die Siedlung Werben. Sie erhielt 1151 das Stadtrecht, wurde wenig später Reichsstadt und ist seit 1358 Mitglied des Hansebundes.

Mit einem schlichten Holzbau begann die Geschichte der Kirche. Ihm folgte etwa um 1150 eine spätromanische Basilika, von welcher noch heute die fünf unteren Turmgeschosse mitsamt der damaligen Glockenstube erhalten sind. Im Jahre 1160 begründete Markgraf Albrecht der Bär nach seiner Rückkehr aus Jerusalem und dem dort erfahrenen wohltätigen Wirken der Johanniter in Werben die erste Johanniterkomturei Norddeutschlands. Er übertrug dem Orden die vorhandene Kirche mit allen Nutzungen, ausgenommen den Zehnten, und mit der Auflage, das Hospital zu Jerusalem an den Einkünften teilhaben zu lassen. Das Gotteshaus wurde der Mutter Maria und Johannes dem Täufer geweiht.

Der ausgeprägte Erwerbssinn der Johanniterbrüder, ihre zahlreichen Ländereien bis hin nach Westpreußen und Pommern, außerdem Stiftungen und Ablässe, steigerten beständig den Wohlstand von Stadt und Kirche, an der über 250 Jahre gebaut wurde. Die umfangreichsten Schenkungen zugunsten eines Neubaues, machte die Herzogin Anna von Breslau, Gemahlin des Markgrafen Hermann, gemeinsam mit ihrem Sohn Johannes in den Jahren 1217-1219. Aus dieser Zeit finden sich im vierten und fünften Joch von Westen vermauerte Fenster und Portalreste.

Im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts entstanden die teilweise mit Glasursteinen geschmückten reichen Profile der Portale, die Strebepfeiler und Formsteinbänder der Fassaden. Das Innere erhielt Pfeiler und wurde eingewölbt. In der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts erfolgten die letzten großen Neuerungen, der Anbau weiterer zwei Joche nach Westen hin, daran anschließend der bemerkenswerte Chorschluß mit drei Apsidialen, die Tauf- und Ottilienkapelle, Portalvorhallen und die Sakristei.

Kirchenansicht - Ostseite

Kirchenansicht – Ostseite

Sämtliche Prüfungen, ob Stadtbrände, Hochwasser, der Beschuß durch General Tillys Truppen im Dreißigjährigen Krieg, die Einquartierung französischer Soldaten im Jahre 1813, die Verheerungen durch den Zweiten Weltkrieg, hat das Gotteshaus mit leidlichen Blessuren wacker überstanden. Nur für andauernde Umwelteinflüsse und immerwährenden Geldmangel hat selbst ein solcher Koloss eine zu dünne Haut. Unendlich oft wurde die Kirche schon ins Bild gesetzt. Eine der ältesten Darstellungen mag der Kupferstich der Stadtansicht um 1652 von Mathäus Merian sein. Er schuf sie für seine dreißigbändige Topografien-Sammlung europäischer Städte. Der Dachreiter musste 1713 wegen Baufälligkeit einem schlichten Walmdach weichen. Dieses ist, wie auch das Dach des Langhauses, das sich über dem Chor „abwalmt“, mit einer Mönch-Nonne-Deckung versehen. Die Fenster des Glockengeschosses gelten als Vorläufer des ältesten gotischen Maßwerkes.

Kaum merklich verjüngt sich der Turm in zwei Absätzen, seine oberen Stockwerke sind von 1225. Das Rot des Backsteins beherrscht außen wie innen den Gesamteindruck der St.Johannes-, später St.Johannis-Kirche, unterstreicht ihre Wuchtigkeit. Obgleich das mittlere der drei Schiffe, wie auch der Chorschluß, leicht überhöht sind, vermittelt das Innere den Eindruck einer gotischen Halle. Das Kreuzrippengewölbe, getragen von den zweireihig stehenden sternförmigen Pfeilern, hellt mit seinem weißen Putz dem Raum auf. Jeder Schritt, jeder Laut hallt vielfach wider. Diese fabelhafte Akustik bescherte dem Sakralbau seine zweite Funktion als Konzertsaal. Das hätte sicherlich auch dem Baumeister Stephan Buxtehude gefallen.

Ob er einer Salzwedeler Familie gleichen Namens entsproß, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Bekannt ist nur, dass er Kirchen, bespielsweise in Angermünde, Stendal, Brandenburg und Türme, so den Unser-Lieben-Frauen-Turm in Berlin und das Burgtor in Brandeburg, gebaut hat. Die zwölf bunten Chorfenster lassen ein strahlendes Sonnenlicht nur matt auf die schwarz-weißem Bodenfliesen des Hauptchores fallen, scheinen aus sich selbst heraus zu strahlen. Farben funkeln auf ihren Heiligenbildern. Sie geben ein prächtiges Bild höchster Glasereikunst. Älteste Teile haben seit 1380 überdauert. Kurfürst Friedrich der II. von Sachsen stiftete (vor 1733) einige Fenster, was deren Inschriften belegen. Mit Ausnahme der Sakristei und der Kapellen, welche breite, segmentbogige Fenster haben, sind alle Fenster spitzbogig und sehr hoch. Zur Zeit der Reformation soll es mehr als zwanzig Altäre gegeben haben.

Vier sind es heute. Der Hochaltar im Hauptchor besteht aus zwei Flügelaltären. Der obere hat seit 1721 seinen Platz gefunden und stammt vermutlich aus der Komturei-Kapelle. Er entstand um 1500 aus Tannenholz. Seine Figuren sind, wie die anderen Schnitzkunstwerke, aus Linde gefertigt. Auch ist er, wie alle übrigen, farblich gestaltet und vergoldet. Sein Motiv ist die Heilige Dreifaltigkeit. Die Flügel tragen Einzelfiguren von Heiligen und Aposteln. An dem darunter befindlichen Marienaltar, so heißt, habe eine ganze vorderfränkische Familie drei Jahre gearbeitet. Seine Entstehung wird für 1430 angenommen. Im Schrein ist die Fürbitte Marias dargestellt, in den Flügeln befinden sich einzelne Figuren. Auch die Predella ist reichlich verziert. Die Rückseiten der Flügel zeigen Gemälde der Leidensgeschichte Christi. Mit Rücksicht auf die Scharniere wird der kierfernhölzerne Altar nicht mehr geschlossen. Von einem Holländer wurde der um 1430 entstandene Taufaltar aus Tannenholz gefertigt. Er zeigt lediglich Einzeldarstellungen. Ihm gegenüber, ebenfalls in der Taufkapelle, hängt das Mittelstück des St.-Annen-Altars, ein Werk des Helmeke Borstel aus Hamburg von 1513.

Kirchenansicht - Südseite

Kirchenansicht – Südseite

Die Heilige Sippe, traut unter einem Baldachin versammelt, macht ihre Betrachter gelegentlich schmunzeln. Selbst die Kinder haben Erwachsenengesichter, denn sämtliche Stifter des Altares wollten sich für die Nachwelt verewigt sehen. Dem Rotgießer Hermann Bonstede aus Hamburg sind zwei Messingwerke zu verdanken. Besonders der riesige, von den drei Löwen getragene Leuchter, ist ein Blickfang. Seine fünf Arme symbolisieren die Leiden Christi. Der Leuchter trägt am Fuße in Minuskeln die Nachricht über seine Entstehung: 1487.
Nur zwei Jahre später schuf derselbe Meister das pokalförmige Taufbecken. Nicht weit davon entfernt, am 4.südlichen Freipfeiler, steht die 1602 vom Magdeburger Bildhauer Michael Spies aus Sandstein geschaffene Kanzel. Johannes der Täufer trägt sie als lebensgroße Figur. Die Reliefs zeigen Szenen aus dem Leben Christi. Zudem finden sich die Hausmarken der wichtigsten Werbener Familien jener Zeit und Inschriften in römischer Kapitale.

Schade nur, dass der hölzerne Schalldeckel von der Hand des Werbeners Hans Hake bei der großen Restauration 1868 entfernt wurde. So gibt es nur noch ein Beispiel für das Können Hakes in seiner Heimatstadt zu bewundern: das Epitaph des Ritters Eberhard von Holla in der Ottilienkapelle. Ihm gegenüber eins der schönsten Werke der Grabsteinbildnerei: das Porträt der Blandina Goldbek. Beide stammen aus dem beginnenden 17.Jahrhundert.

Kein Aufwand war den Wohlhabenden zu groß, wenn es um ihre letzten Ruhestätten ging. Ob als Tafeln oder auf Konsolen getragene Freifiguren, von Säulen eingerahmt, vor farbigen Reliefs – das Werbener Gotteshaus beherbergt einen eindrucksvollen Querschnitt damaligen Schaffens auf diesem Gebiet. Die meisten Objekte sind im Tonnengewölbe des Turmes untergebracht. Da die Sitzbänke erst bei der allumfassenden Neugestaltung 1868 angeschafft wurde, musste den Laien während der Predigt so manches Mal die Zeit lang geworden sein. Abhilfe sollte wohl die heute noch funktionstüchtige Predigtuhr von 1717 schaffen. Wenn sie viermal geschlagen hatte, musste der Pfarrer zum Schlusse kommen.

Auch die Chormitglieder hatten Stehvermögen zu beweisen in dem Chorgestühl um 1470, geradezu eine Barmherzigkeit waren die winzigen Klappsitze. Eine Augenweide sind immer noch die Bildnisse der Apostel sowie Jesus` und Martin Luthers über den zwei mal sieben Plätzen, die sich im vierten Joch des nördlichen und südlichen Seitenschiffes gegenüberstehen. Amerikanische Soldaten hatten sie zerschossen und, in eventuellen Hohlräumen dahinter, versteckte Schätze vermutet. Die Enttäuschten begnügten sich schließlich mit dem Kronleuchter, welcher durch eine Glühbirne ersetzt wurde.

An dieser Stelle konnten nur die wichtigsten Inventarstücke genannt werden. Es gibt aber hervorragende alte Quellen, in denen sich auführliche Beschreibungen finden lassen. Am eindrucksvollsten ist jedoch bekanntlich die eigene Betrachtung. Führungen werden jederzeit angeboten. Erwähnenswert ist schließlich die Joachim-Wagner-Orgel von 1747. Sie wurde letztmalig 1916 zur Hälfte erneuert. Es fehlen die Mittel, um sie wieder voll funktionstüchtig zu machen, und ein Organist, der spielt. Hier, unter der Orgel und der darunterliegenden früheren Komturei-Empore ist der Aufgang zum Turm.

Der Blick über die Stadt mit ihren wenigen Resten der Stadtmauer, einem Wachturm und dem einzigen noch existierenden Stadttor, es waren fünf, lohnt das Erklimmen dieses höchsten Aussichtspunktes. Nur das Ticken des Uhrwerkes und das Gurren der Tauben sind hörbar. Die Geräusche der Straßen tief unten sind erstorben. Alles verliert an Wichtigkeit für den Augenblick. Hoch über dem Alltagsgetriebe stellt sich innere Einkehr ein, die allenfalls unsanft gestört werden kann durch die vier gewaltigen Glocken. Für die Vorgänger, einstmals aus Bronze bestehend, endete ihr Dasein eher klanglos auf den Schlachtfeldern beider Weltkriege. Die heutigen Exemplare aus Stahlguß sind aus dem Jahre 1957.
Anja Rose
Werben

Kein Wunsch ist zu groß

Dank eines Stifterpaares und einer engagierten Gemeinde blüht die Johanniskirche in Werben allmählich auf

St.Johanniskirche.jpg1Acht Jahre vor seinem Tod ließ sich Joachim Francke, Bürgermeister von Werben an der Elbe, ein Erinnerungsmal in der Johanniskirche setzen. Er starb 1616, kurz bevor der Dreißigjährige Krieg ausbrach. Ihn und andere Wirren der Geschichte überstand das Werk der Spätrenaissance und fällt heute jedem Besucher, der die Backsteinkirche betritt, sofort ins Auge. Und obwohl Konsolenstücke abgefallen sind, Kanten fehlen, Farbe blättert und Figuren teilweise abmontiert und sichergestellt wurden, spricht aus dem Epitaph das Selbstbewusstsein seines protestantischen Stifters und die Könnerschaft des heimischen Bildhauers Hans Hacke. Er schuf ein zweigeschossiges Säulenepitaph, umschlungen mit Roll- und Beschlagwerk. Die Reliefs- und Freifiguren fertigte Hacke aus Alabaster.

Sicher hatte es sich Bürgermeister Francke gewünscht, dass man ihn lange im Gedächtnis behalten möge. Doch er wäre wohl erstaunt gewesen, wenn er hätte voraussehen können, wie viele Menschen sich noch im 21. Jahrhundert vor seinem Grabdenkmal versammeln würden. Eines dieser Treffen fand im Mai statt. Diplomrestauratorin Stephanie Fischer erläuterte Vertretern der Kirche, des Werbener Fördervereins, des Landesdenkmalamts sowie dem Stifter Dr. Ernst Alers, den Zustand des mehr als vierhundert Jahre alten Epitaphs. Stephanie Fischer schlug vor, die Sichtfassung zu reinigen, zu konservieren, Teilstücke zu ergänzen und eine Retusche vorzunehmen. Für die Maßnahme veranschlagte sie rund 21.000 Euro. Die Restaurierung dieses wertvollen Ausstattungsstückes würde die Werbener Johanniskirche ihrer Vollendung wieder einen Schritt näherbringen.

Seit 1997 widmen sich Menschen aus dem Osten und dem Westen Deutschlands der großen Kirche in der kleinen Hansestadt, die eine wichtige Rolle bei der Kolonisation der Altmark spielte. Hier hatte Markgraf Albrecht der Bär 1160 die erste Johanniterkomturei ins Leben gerufen, deren geistliches Zentrum bis 1542 Werben an der Elbe blieb. Die Kommende selbst bestand in evangelischer Form bis zum Jahr 1810. Die Kirche kann besonders durch den finanziellen wie ideellen Einsatz eines Paares kontinuierlich restauriert werden: Die Eheleute Gisela und Dr. Ernst Alers gründeten vor 15 Jahren zugunsten der Werbener Johanniskirche eine treuhänderische Stiftung unter dem Dach der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD). Die Dimensionen der Kirche und ihre reiche Ausstattung erlauben es nicht, die Arbeiten in wenigen Jahren zu beenden. Die Restaurierung braucht Zeit und Geduld. Sehen wir uns heute in der Kirche um, erkennen wir schnell, dass schon sehr viel erreicht wurde. Als die Gemeinde sich vor 15 Jahren das erste Mal hilfe-suchend an die DSD wandte, regnete es durch das steile Satteldach. Die 1992 begonnene Drainage zeigte noch kaum Wirkung. Mit Moos bewachsene Außenwände deuteten auf die hohe Feuchtigkeit hin. Im Kircheninneren roch es muffig. Überall blühte Salz aus, und die hölzerne Ausstattung, darunter der Dreifaltigkeitsaltar, das Relief der Heiligen Sippe und das bemalte Chorgestühl, vermoderten. Inzwischen ist das Raumklima angenehm und durch die neuen Regenrinnen und Fallrohre von der kalten Nässe nichts mehr zu spüren.

Nachdem sich die DSD der Reparatur des Dachs angenommen hatte, wurden von 1998 bis 2001 unterstützt von vielen Geldgebern  die Glasfenster aus dem 14. und 15. Jahrhundert wieder eingebaut. Sie lagerten seit 1995 verpackt in einer Glaserei. Schlagartig veränderte der Kirchenraum sein Gesicht. Der ehemals in fahlweißes Licht getauchte Chor glüht in Blau und Rot, und den Flügelaltar umhüllt ein zarter Schimmer. Von 2003 bis 2007 widmete sich Martina Runge hingebungsvoll dem Marienaltar im Chor. Besonders schlimm gelitten hatte die Malerei der Rückseite. Bei den gefassten Skulpturen gelang es der Diplomrestauratorin, sie zum Leuchten zu bringen, ohne dass das Alter des Schnitzaltars mit seinen Maßwerkbaldachinen und den Szenen aus dem Marienleben verleugnet wird.

Der vor Jahren einmal die Gelegenheit hatte, das ehemalige Chor-gestühl der Johanniter zu betrachten, wird von seinem Wandel begeistert sein. Die um 1720 gemalten Figuren auf den Rückenlehnen waren verblasst und die Wangen abgeschabt. Inzwischen blickt neben den zwölf Aposteln Martin Luther gutgelaunt in die spätgotische Backsteinhalle. Bessere Zeiten als die jetzigen hat das Gotteshaus wahrscheinlich lange nicht mehr erlebt.

Weil Vorbilder bekanntlich oft Nachfolger finden, gingen für die Johanniskirche im Laufe der Jahre mehrfach Spenden anderer Denkmalliebhaber ein. Die Werbener Gemeinde kann jedes Jahr neue Erfolgsmeldungen verkünden. Es geht Schritt für Schritt voran, Rückschläge nicht ausgeschlossen. Noch 2009 musste Geld für die Trockenlegung des Mauerwerks aufgebracht werden, und  wurmstichiges Holz wurde begast. Kürzlich entdeckte man, dass der Dachstuhl nicht mehr völlig in Ordnung ist. Die Erträge der treuhänderischen Stiftung allein reichten für große Maßnahmen oft nicht aus, so dass das Stifterpaar weitere Mittel beisteuerte.

Vor 15 Jahren benötigte Werben Impulse  einen frischen Wind von außen. Inzwischen haben die Altmärker den Wert ihrer Schätze erkannt, und viele sind bereit, sich für deren Schutz einzusetzen. Der Verein zur Erhaltung kirchlicher Baudenkmäler im Kirchspiel Werben e. V., insbesondere ihr langjähriger Vorsitzender Ernst-Jürgen Menke, die aktive Gemeinde mit dem jungen Pfarrer Jan Foit sowie Jochen Hufschmidt vom Gemeindekirchenrat und schließlich der Arbeitskreis Werbener Altstadt e. V. haben ein dichtes Aktionsnetz in Werben gewoben. Im vergangenen Jahr halfen alle beim Gestalten des Kirchvorplatzes. Das Schulhaus gegenüber der Kirche wird seit einem Jahr als Werkstatt genutzt, um Holzbänke für die beiden großen Feste in Werben, den Biedermeiersommermarkt und den Biedermeierweihnachtsmarkt, zu fertigen. Überall keimt Leben auf, ausgehend von St. Johannis über die Bürgerhäuser bis hin zur Dorfkirche im benachbarten Räbel, die zum Werbener Kirchspiel gehört. Das Projekt „Offene Kirche“ geht 2012 in die zweite Saison. Rund 30 ehrenamtliche Helfer beteiligen sich daran. Sie sorgen dafür, dass das hochaufragende, weithin sichtbare Gotteshaus am Elberadweg jeden Tag von 10 bis 16 Uhr geöffnet ist. In diesem Jahr wurde die Initiative um ein Kirchencafé bereichert. Bei einem Stück selbstgebackenem Kuchen unter gotischen Gewölben sucht mancher Besucher das Gespräch mit den Einheimischen.

Damit sich dies alles entwickeln konnte, brauchte es eine Initialzündung. Sie geschah durch das Ehepaar Alers. Ihre Hilfsbereitschaft übertrug sich auf andere, und dem Paar selbst bedeutet das Engagement für die Johanniskirche inzwischen mehr als praktische Denkmalpflege. Kirche und Ort sind dem Johanniterritter, der gemeinsam mit seiner Frau eine Kirche retten wollte, die im Gebiet der ehemaligen DDR liegt und möglichst dem Johanniterorden nahesteht, zu einer Herzensangelegenheit geworden.

Nach wie vor braucht es viele Hände, um die Johanniskirche dauerhaft zu bewahren. Nicht nur das Epitaph von Joachim Francke muss restauriert werden. An der Wand gegenüber hängt das des Diakons Johannes Barth von 1603. Die Kosten, es zu konservieren, werden auf zirka 12.000 Euro veranschlagt, sowie zwei außerordentlich kunstvoll gemeißelte Grabsteine der Blandina Goltbek und des Eberhard von Holla. Beide starben zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Im Dunkel des Turmerdgeschosses verbergen sich weitere Grabsteine, mit denen man vor allem toter Kinder gedenken wollte. Auch dieser Schatz wartet noch darauf, gehoben zu werden.

Vor 15 Jahren hatte die Kirche Erste Hilfe nötig. Inzwischen ist ein Punkt erreicht, an dem sich Martina Runge, die nach dem Haupt- auch den Gertrudenaltar und das Tafelbild „Jüngstes Gericht“ aus der Phase der Zersetzung und des Verstaubens rettete, um die kontinuierliche Pflege des Kunstgutes kümmern kann. Die Johanniskirche soll nie wieder in den trostlosen Zustand wie noch vor zwanzig Jahren zurückfallen. Die Zeichen dafür stehen gut, denn die Begeisterung der Stifter für die große Kirche ist ungebrochen, und die DSD schätzt sich glücklich, sie an ihrer Seite zu haben.

Um die Johanniskirche in Werben dauerhaft erhalten und pflegen zu können, bitten wir Sie herzlich um Zuwendungen in den Vermögensstock der „DSD-Gisela und Ernst Alers-Stiftung“,  Konto-Nr. 263616502, BLZ 370 800 40, Commerzbank AG, Verwendungszweck „1007868XZustiftung“.

 

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Noch zu Lebzeiten ließ sich 1608 Joachim Francke, Bürgermeister von Werben, ein Erinnerungsmal setzen. Es besteht aus Sandstein, die Reliefs und Freifiguren wurden aus Alabaster geschaffen. Das bröckelnde, wertvolle Ausstattungsstück muss restauriert werden.

 

 

 

St.Johanniskirche

 

Von Mai bis Ende September ist die Kirche täglich von 10:00 Uhr bis 16:00 Uhr geöffnet. Ehrenamtliche Helfer erzählen Wissenswertes über das Gotteshaus und seine Ausstattung.

 

 

 

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Fachpublikum vor dem Grabstein der Blandina Goltbek in der Ottilienkapelle der Johanniskirche

 

 

 

Foto oben: Die Glasmalerei im nördlichen Nebenchorfenster (um 1467) zeigt einen betenden Johanniterritter.

Mehr zu den Kirchenfenstern finden Sie unter folgendem Link: http://telota.bbaw.de/cvma/

 

Zusatzfloskel

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion MONUMENTE (Ausgabe 4-2012),
Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Text: Christiane Schillig
Fotos: M. L. Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn